Endless Trouble, Endless Pleasure

Erst am Morgen wird das ganze Ausmass des nächtlichen Gemetzels fassbar. Überall liegen abgetrennte Gliedmassen verstreut, Beine, halbe Körper und Hüllen derer – aber von den Tätern keine Spur. Sie haben sich zurückgezogen, schlagen nur im Schutz und dem Angebot der Dunkelheit zu. Willkommen in Keetmanshoop, einer Kleinstadt in der weiten Steppe Namibias, dem ehemaligen Deutsch-Südwest.

So wabert der Grundton der Geschichten, wie wir sie aus Afrika kennen und wohl auch erwarten. In meinem Fall sind die nächtlichen Protagonisten überwiegend Angehörige der reichhaltigen Insektenwelt Namibias. Wunderschön gemusterte Schmetterlinge der Nacht, Schrecken – gross wie ein erwachsener, einsam in die Luft gestreckter Mittelfinger und – natürlich die Mörder. Manche mit vier Beinpaaren ausgestattet und andere mit haftenden Fusssohlen bestückt, mit spitzer, klebriger Zunge an der Wand zum Anbruch der Nacht überlegen und gleichermassen geduldig auf reiche Beute lauernd.

Manchmal, aber selten, schreibt auch jemand über das Afrika des Lichtes. Denn in seinen städtelosen Landschaften stören keine künstlichen Lichter die Pracht einer abendlichen Himmelsfärbung zum Abschied der Sonne. Selbst in den Siedlungen beeinträchtigen menschliche Lichtquellen den Blick zum nächtlichen Sternenhimmel kaum, da Strassenbeleuchtungen nicht oder nur spärlich vorhanden sind. Die menschenarmen Weiten Afrikas, das ist auch ein Paradies für Astronomen, Geologen,  Entomologen und für Tierfreunde sowieso.

TSHALA MUANA – Malu Deux

In der Stadt am Kap ist vieles anders, der südlichste Zipfel steht immer im Verdacht, nicht wirklich Afrika zu sein. Denn Capetown ist eine Partystadt vor allem für solche Nachtschwärmer, deren Muttersprache Englisch ist und deren Geburtstag kaum länger als zwanzig Jahre zurückliegt. In den Ausgehstrassen stehen Sicherheitskräfte und warnen regelmässig vor zu viel der Ausgelassenheit. So richtig schick, mit reichhaltigem touristischem, kulinarischem und kulturellem Angebot, geht es an der Waterfront zu. Dort achten Securitas-Leute darauf, dass kein verlumptes Menschenvolk in die teure Meile am Hafen hineinkommt.

Aber auch in Capetown kann man Afrikas Naturgewalten manchmal erahnen. Wenn die Seilbahn hoch zur Aussichtsplattform des Table-Mountain gesperrt ist, kommt Wind auf. Am zweiten Tag der Sperrung wird das Treiben dann zum Sturm. Innerhalb einer Stunde rollt der orkanartige Wind heran und fegt etwa genauso lange durch die Stadt. Passanten halten sich an Geländern fest oder gehen nach vorne in spitzem Winkel geneigt dem Sturm entgegen. Immer wieder brechen die Orkanböen schlagartig ab und so mancher findet sich am Boden wieder. Auf dem Marktplatz packen die Verkäufer eiligst zusammen. Der Wind fährt unter die zuoberst liegende Platte eines Stapels von Sperrholzplatten der Marktleute. Neunzehn Millimeter stark, knapp zwei Quadratmeter gross. Die Platte fliegt durch die Luft, setzt auf einer Spitze auf und wird weitergeschleudert. Ich ducke mich gerade noch, eine Passantin zehn Meter hinter mir hat weniger Glück. Sie wird von dem Holz am Kopf getroffen und muss ins Krankenhaus gebracht werden. Dann ist das wilde Treiben vorbei.

Und so kann das junge Urlaubsvolk in dieser Nacht wieder ungehindert zwischen den Bars hin und herziehen. Captetown, dass ist neben der nicht enden wollenden Party in der Nacht auch der exotische Ausflug am Tag. Eingesperrt in Käfigen lässt man sich dann ins Meer hinab, wo Haie gelangweilt dem Ritual des angeködert werden nachgehen. Ausflüge in die Townships für das authentische Erlebnis werden mit Führern angeboten, Shuttleservice und Mittagessen inbegriffen.

Wagemutigere gehen ins „Bronx“. Dort läuft nicht nur die beste Musik, es gibt auch eine Menge durchgeknallter Typen. Auf dem Tresen ist an der Ecke eine Stange angebracht. Wer möchte, kann hier zeigen, was er will und hat. Davon wird oft Gebrauch gemacht. Gays, aber auch Frauen lassen es sich nicht nehmen, leicht bekleidet, thronend im Mittelpunkt zu tanzen.

Nach zehn Tagen verlasse ich das sündige Capetown und mache mich auf nach Norden, nach Nambia, das einst Deutsch-Südwest hiess und wo die Deutschen zur Kaiserzeit erste Erfahrungen in Sachen Völkermord gesammelt haben. In Windhoek, der Hauptstadt, gibt es deutsche Schreinereien und italienischen Kaffee. Und Angehörige des Stammes der Herero. Oft finde ich sie bettelnd auf der Strasse sitzen. Etwa tausend Hereros haben damals überlebt, achtzig Mal so viele sind in der Wüste verdurstet, wohin der „grosse General“ Lothar von Trotha die flüchtenden Menschen getrieben, vom Wasser abgeriegelt und elendig verrecken liess. Anfänglich frage ich mich, ob die hilfesuchenden Blicke der Menschen mich als Deutschen erkennen werden, sie mich ansprechen, auf das, was mein Land ihrem Volk angetan hat. Müsste ich nicht jedem Einzelnen etwas zustecken, als Zeichen der Demut und einer kleinen Geste des Wohlwollens, gerade nachdem es nicht einmal der grüne deutsche Aussenminister fertiggebracht hat, bei seinem Besuch im südlichen Afrika zumindest ein „Sorry“ über die Lippen zu bringen. Die deutsche Regierung fürchtet um Reparationsforderungen. Mit einem Schuldeingeständnis stünde die Tür offen dazu. Ich fühle mich beklemmt, ganz anders als bei meinen Besuchen in Israel. Denn nichts ist gesagt, nichts geschehen und nichts verarbeitet. Die gängige Praxis des Schweigens steckt wie ein Stachel in mir und zugleich bin ich selbst genauso unfähig, die Menschen anzusprechen auf unsere gemeinsame, unsägliche Vergangenheit. Aber den Hereros auf der Strasse und den Damen, die mit ihrer farbenprächtigen Tracht und dieser unvergleichlichen Kopfbedeckung, die aus dem gleichen Stoff wie das Kleid zu zwei seitlich ausladenden Hörnern zusammengebunden sind, geht es mutmasslich gar nicht so sehr um die Geschichte. Afrika scheint wie ein Kontinent mit  Menschen, die das Vergessen zur Überlebensstrategie gemacht haben. Wie sonst könnten Schwarze mit Weissen in Südafrika nach der Apartheit leben, geschändete Frauen im Kongo ihren Peinigern als Nachbarn ins Gesicht schauen, und nicht einfach jeden Araber und Weissen lynchen, der es wagt, Afrikanische Erde zu betreten. Im Grunde mache ich es wie Joschka, ich gebe etwas, anonym, traue mich nicht, auch nur ein einziges Foto von den erhabenen Herero-Damen zu machen und gehe wieder, unerkannt, der afrikanischen Toleranz und auch ihrem Gleichmut gegenüber ihrem Schicksal fast gewiss.

Dem Taxifahrer erkläre ich den Weg zu meiner Unterkunft, obwohl es durchaus im Gebiet liegt, das man City nennen könnte. Erklären ist gut, sonst würde wir einfach umherirren, bis wir irgendwann, irgendwo ankommen.

Die Touristeninformation in Keetsmannhoop ist geschlossen, manchmal hat sie auch geöffnet. Darüber prangt das Originalschild mit der Aufschrift „Kaiserliches Postamt“. Also gehe ich ins Internetcafe, wo Keetmanshooper morgens um zehn Uhr schon gut bei Laune mit einigen Dosen Bier sind, aber der Billardtisch mit dem Grundriss eines grossen L wird noch nicht benutzt. Die Verbindung ist langsam und ermüdend, also beschliesse ich den Kokerbaum-Wald und Giants-Playground zu besuchen. Auf dem Weg dorthin liegt ein Gepard am Strassenrand im Schatten eines Baumes. Das erhabene Tier, schlank und majestätisch, schaut gelangweilt auf uns und wir fasziniert auf ihn. Läge er auf dem Territorium einer der riesigen Ranches, würde der Besitzer ihn vielleicht erschiessen, oder ein Jagdtourist, die zahlreich aus Europa hier her kommen und gerne endlich einmal auf alles schiessen, was ihnen vor die Büchse kommt. So wie die Vierer-Reisegruppe von pensionierten österreichischen Polizisten, die ich nach meiner Weiterreise von Windhoek, der Hauptstadt Namibias zur ersten Station in Botswana, in einer kleinen Lodge in Botswana treffe. Hier im Okavango-Delta gibt es viele solcher Lodges. Sie sind da, weil die Touristen hier herkommen möchten, um mit Booten auf Safari zu gehen. Dörfer gibt es im Delta selbst nicht, die Afrikaner siedeln entlang der Strasse. Ich versuche Informationen über Dörfer im Gebiet zu bekommen und muss feststellen, dass es hier kein Wassertaxi gibt, dass ich mit Einheimischen teilen könnte und auch kein Ziel, das ich mir anzusteuern vornehmen könnte. Also gehe ich zu Fuss los, fast trotzig am ausladenden Fluss entlang, passiere die typischen Agro-Mischkulturen und bestaune die Ameisengebäude, die nicht selten zwei bis drei Meter wie Schlumpfmützen aus dem Boden erwachsen. Im Augenwinkel links sehe ich, wie  etwas langes Grünes sich durchs hohe Gras schlängelt. Mein Kopf schnellt dorthin und für einen Moment habe ich Blickkontakt mit einer grünen Mamba, die mich so erschreckt, dass ich einen Satz in die andere Richtung mache, wie man ihn nur mit Hilfe einer mächtigen Hormonausschüttung vollführen kann. Offensichtlich war sie von meiner Gegenwart nicht minder überrascht und verschwindet innerhalb von Sekunden ins Maisfeld. Später erfahre ich, dass grüne Mambas im Gebiet äusserst selten sind. Aufgrund ihrer auffallend schönen grün-glänzenden Farbe und der Grösse mit gut einem Meter sechzig Länge, kann es jedoch nur eine Vertreterin dieser Art gewesen sein. Die beiden anderen grünen Schlangenarten, die im Delta leben, sind deutlich kleiner. Ich hatte Glück, sie war wohl nicht in ihrem Revier, das sie vielleicht verteidigt hätte, sondern auf Wanderschaft in die Felder, wo sich sich gerne aufhalten sollen. Eilig nehme ich mir einen Stock für die weitere Wanderung und ärgere mich über mich selbst, wie ich so leichtsinnig darauf verzichten konnte, nicht an dieses wichtige Utensil bei Streifzügen durch die Natur bei mir zu haben. Schlangen mögen keine Erschütterungen und Schläge ins Gras, weshalb man stets einen Spazierstock dabeihaben sollte. Schliesslich freue ich mich darüber, eine grüne Mamba gesehen zu haben, ganz ohne Touri-Boot für 60 Dollar die Stunde auf der Jagd nach Nilpferden und Krokodilen.

Von Maun am Okavango-Delta fahre ich ostwärts Richtung Simbabwe zum kleinen Ort Nata. Mein vorläufiges Ziel ist eigentlich Kasane im Dreiländereck von Namibia, Botswana und Sambia. Es gibt zwar eine Strasse dorthin, aber kaum Transportmöglichkeiten, weshalb ich die Strecke über Nata nach Osten nehme. Entsprechend dieser Bedeutung bildet eine Kreuzung den Mittelpunkt Natas mit zwei gegenüberliegenden Tankstellen. Dort findet auch das Leben statt. Ständig kommen und gehen Leute, warten auf ein Auto, das sie gegen Bezahlung mitnimmt oder man geht ganz einfach zum Essen an den Imbiss-Shop zum Ortsmittelpunkt. Ich nehme die günstigste Unterkunft, die in der Nacht so heiss ist, dass ich bis spät Abends über die Mauer hinter meinem Zimmer spähe, wo allabendlich ein Freiluftgottesdienst steigt. Dieser kündigt sich in der Regel mit einem kräftigen und ebenso ausgiebigen Sound-Check des Keyboards mit Orgelklang an, dauert vier bis fünf Stunden und ist nach meinem Geschmack ziemlich christlich-fanatisch ausgerichtet. Aber der Gesang ist schön, so wie nur Afrikaner schön singen können. Leidenschaftlich stimmen sie in die Mischung aus Predigt, musikalischer Untermalung und Liedpassagen ein. Stundenlang preisen sie den Herrn, Abend für Abend, Woche für Woche, Monate, Jahre, ein Leben lang. Nach der zweiten Nacht übersiedle ich für zwei weitere Nächte in das beste und gleichzeitig einzige Hotel des Verkehrsknotenpunktes Ost-Botswanas, wo es eine erstaunlich gute Internetverbindung gibt. Ich nutze diese, um zu arbeiten und danach gehe ich mit Thekiso etwas trinken in die Dorfdisco-Kneipe. Natürlich nicht allzu lange, der Herr erwartet schliesslich ein gezügeltes Leben und dementsprechend früh ist die Party auch schon wieder vorbei. Bemerkenswert waren die Männer, die völlig unvermittelt anfingen zu enthusiastisch zu tanzen, wenngleich auch nur für kurze Zeit, doch immer Mal wieder und auch nicht, um dem anderen Geschlecht zu gefallen. Das sollte ich immer wieder beobachten in Afrika.

Als ich mich aufmachen will nach Kasane, gestaltet sich mein Vorhaben schwieriger, als angenommen. Zwar sind die beiden Tankstellen von Nata der Dreh- und Angelpunkt des Lebens im Dorf, doch heisst das nicht, dass irgend jemand der täglich das Kommen und Gehen wie etwa die Tankwarte, erleben, deshalb wüsste, wann ein Bus in welche Richtung geht. Kommt ein Minibus, ist dieser meist voll besetzt und noch bin ich nicht in dem Teil Afrikas, wo das keine Rolle spielt. Man achtet sehr auf Ordnung, auch wenn sich diese mir nur mühsam erschliesst. Anhalter werden nur mitgenommen, wenn sie an der richtigen Stelle der Strasse stehen, wo der fliessende Verkehr auch gut halten kann. Nach zwei Tagen vergeblichen Wartens auf einen Bus, lande ich einmal mehr auf der Ladefläche eins Pick-Up und fahre über dreihundert Kilometer in die Nacht hinein. Die Steppe ist in sanftes Licht getaucht, eine Löwin thront unbekümmert wie eine Statue auf einem Fels am Strassenrand, Elefanten bilden mächtige Silhouetten vor dem zart-wilden Farbenspiel des Himmellichtes und wir teilen uns Nüsse und Wasser. Wir, das sind Thekiso, ein Ehepaar mit Kind und ich. Thekiso war noch nie in ihrem Leben in Kasane und dem Chobe – Nationalpark. Aber sie hat jetzt eine Mailadresse. Während meiner Afrika-Reise habe ich vielen Menschen einen Email-Account eingerichtet und die Funktionsweise des Internets erklärt, vor allem in Botswana, Sambia und Tansania. Unsere Fahrer liefern uns zuverlässig bei der Unterkunft ab, wir reden noch ein wenig und freuen uns, dass die Fahrt reibungslos verlief. Alles ist friedlich und freundlich, wie die Elefanten, die in Kasane immer wieder unsere Wege kreuzen. Bei so vielen mir fremden Tieren wie den Warzenschweinen, die sich futtersuchend vor dem Supermarkt der Kleinstadt herumtreiben und den Affen, die einem permanent den Zucker zum Espresso klauen, scherze ich bei einem Abendspaziergang mit Thekiso über den Löwen, den wir gleich sehen werden. Ob meiner Prophezeiung wird sie ganz ernst und ich muss ihr schliesslich versprechen, so etwas nie wieder zu äussern. Schliesslich gehen Verwünschungen in Erfüllung. Ich staune nicht schlecht, wie stark ihr Aberglaube neben der christlichen Überzeugung Platz nehmen konnte, gewiss der Erkenntnis, dass beide gut miteinander können.

Es kommt zu meiner ersten Safari im Chobe Nationalpark, die noch längst nicht so durchorganisiert und auf Touristen aus sind, wie anderenorts in Afrika, was sich schon im Preis bemerkbar macht. Wir sehen Giraffen, Wasserbüffel, massenweise Elefanten, Krokodile, einen Fischadler, Paviane, herdenweise und überhaupt nicht scheue Impalas und auch Kudus. Ich bin im Freiluft-Zoo gelandet und das süddeutsche Lehrerehepaar staunt nicht schlecht, als ich ihm erkläre, dass solch hohe Wilddichten natürlicher Weise nicht zustande kommen. Aber wir beenden die Unterhaltung, ich will Ihnen nicht ihren Urlaubseindruck verderben mit meinen sachlichen Gedanken.

Ich frage Uncle George, meinen Fahrer, wo es mehr Elefanten gibt, in Botswana oder den angrenzenden Ländern. Er antwortet mir, dass die Elefanten keinen Pass haben und gehen, wohin sie wollen. „Keiner weiss, wo sie heute sind, oder morgen sein werden.“ Eine intelligente Antwort auf eine dümmliche Frage. Ich beschliesse, ab sofort immer mit Uncle George zu fahren. Wir sprechen viel über die politische und soziale Lage der Länder Lateinamerikas und Afrikas. Uncle George ist vor allem an den Menschen auf Kuba interessiert, und er erzählt mir  über seiner Heimat und davon, wie es früher war. Auch Europa interessiert ihn. Für ihn wie für mich ein materiell nicht aufzuwiegendes Geschenk. Und so erscheint mir Uncle George mit seiner gealterten schwarzen Haut und seinen weissen Kräusellocken viel mehr als Europäer, als so viele andere, die einen europäischen Pass haben und zu Hause über Europa schimpfen, so mein Eindruck aus den Nachrichten, die ich Dank der guten Verbindung über das Internet verfolgen kann.

Uncle George bringt mich zum Fluss, wo ich auf die Fähre hinüber nach Sambia warte. Livingstone, an den beeindruckenden Victoria Wasserfällen gelegen, ist mein erstes Ziel in Sambia und der vorläufig letzte touristische Höhepunkt meiner Afrikareise.

„Wenn der grosse Elefant stirbt, feiern alle Messer.“ (afrikanisches Sprichwort)

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Ich mache mich auf ins Innere des Landes. Mit dem Bus geht es in die sambische Hauptstadt. Lusaka ist nicht gerade eine Perle von Stadt. Weitläufig, etwas amorph und mit Armenvierteln bestückt, in die sich die staatlichen Ordnungshüter schon lange nicht mehr hinein wagen. Im Hostel nahe dem Stadtzentrum lerne ich Temwa kennen. Die Bars und Restaurants der Hostels und ihrer Umgebung sind auch für junge Leute in Lusaka ein durchaus attraktiver Ort um etwa das Wochenende zu geniessen. Temwa arbeitet als Chefsekretärin im „Ministry of Foreign Afairs, ist also privilegiert, unabhängig und entsprechend selbstbewusst. Daneben hat sie ein Taxi „laufen“. Das ist eine lukrative Einkommensquelle. Anstatt des eigenen Autos, vermietet man dieses an einen Fahrer, der monatlich eine Pacht entrichtet und ausserdem für Fahrten im eigenen Interesse nach Absprache zur Verfügung steht. Aber nur wenige wie Temwa können es sich leisten für ein paar Tausend Dollar ein Auto zu kaufen. Wir freunden uns an und gehen aus zum Tanzen in eines dieser Center, in denen es tagsüber geschäftig ist und am Abend ein paar Bars und Discos locken. Diese Einkaufs- und Vergnügungscenter gibt es zuhauf in der Hauptstadt. So lerne ich durch Temwa die sambische Musik kennen, erfahre wovon die Lieder handeln und wie die traditionelle Musik auch heute noch beliebt ist und grossen Einfluss auf das aktuelle Schaffen der Künstler hat. Natürlich geht es darin vor allem um das eine. Tshala Muana erzählt in Malu Deux die Geschichte einer Frau, deren Mann sich immer wieder andere Frauen hat. „Warum schaust du nach den Frauen, sieh doch deine Liebe, wie schön und gut sie für dich ist“. Temwa hat viel Kritik für ihr Land und noch mehr für die Menschen, die in ihren Augen oft frei von Werten und Überzeugungen, nicht nach innerer Harmonie streben, sondern nur nach einem Krumen Brot des modernen Lebens trachten. Sie kritisiert die Unzuverlässigkeit und die mangelnde Teilnahme der Leute in Lusaka. Zusammen erkunden wir Beispiele und diskutieren über Wege der Veränderung. Um an den Ort des Tanzgeschehens zu gelangen, müssen wir durch unsicheres Terrain, obwohl es kaum fünfzehn Minuten zu Fuss sind. Nach einigem hin und her, woran sich auch eine ansehnliche Zahl von Taxifahrern beteiligt, gehen wir schliesslich doch zu Fuss. Die Strassen sind leer, obwohl wir vom Zentrum aus losgehen, denn ich habe mich für die letzten beiden Nächte in Lusaka in das schlechtere der beiden besten und einzigen Hotels in der Innenstadt eingemietet. Ab und an begegnen uns Männergruppen von drei bis sieben Mitgliedern, bei denen man nur schlecht abschätzen kann, was sie im Schilde führen. Aber wir erreichen unversehrt die Disco, wo sich jüngere und ältere gleichermassen tanzend vergnügen. Temwa kennt viele Leute in der Stadt und erzählt mir Hintergründe von dem einen oder anderen, den wir treffen. Zum Beispiel von einem jungen arabisch-stämmigen Unsympath, der in Begleitung von hübschen Frauen und einem Freund zu den wohlhabenden Leuten der Stadt gehört. Sein Geld hat er vor allem durch zwielichtige Geschäfte mit dem Handel von Elektrogeräten, Computer-Nichtservice und Restaurants gemacht.

Einen Tag vor Abreise besuche ich wieder den geschäftigen Busbahnhof meiner Ankunft, um ein Ticket für die Weiterreise zu kaufen. Inzwischen kenne ich die Stadt und ihre Wege, da ich den Taxifahrern meist sogar den Weg zu grossen und wichtigen Strassen erklären muss, ziehe ich nicht selten den Fussmarsch immer neuer Irrfahrten vor. Das ist so eines dieser Dinge, die Temwa und ich diskutierten. Man stelle sich vor, ein Taxifahrer in Düsseldorf, kennt den Weg zur Königsallee nicht. Eine Antwort darauf, woher diese Desinteresse rührt, bekomme ich auch im Gespräch mit Temwa nicht. Entgegen meiner bisherigen Reiseerfahrungen, kann man Bustickets nur am Tag der Reise erwerben, zumindest in diesem Fall. Ich scherze mit dem Fahrtkartenverkäufer, erkläre ihm, dass ich einen langen Fussmarsch hinter mich gebracht habe um ein Ticket zu erwerben und schliesslich willigt er ein, mir ausnahmsweise einen Fahrschein entgegen eines ungeschriebenen Gesetzes zu verkaufen. Dafür erhält er ein gutes Trinkgeld und er wird mich am nächsten Tag hilfreich und lächelnd empfangen. Dahinter steckt eine tiefwurzelnde Erfahrung über Macht, Position und Uniform. Denn wer ein Amt wie Busfahrer oder Postbeamter bekleidet, hat Macht. Und auch wenn es keine Macht im Sinne einer übergeordneten Gewalt darstellt, lerne ich die einfachste Machtausübung überhaupt kennen: nämlich die, dass man andere warten lassen kann. Der Busfahrer trägt nur ein weisses Hemd mit Schulterklappen, aber er hat die Macht zu bestimmen, wer mit darf und wer auf den nächsten Bus warten muss. Diese Erfahrung musste ich auch schon in Kasane in Botswana machen und sie begegnete mir immer wieder in Transit durch Afrika. Der Postschalter schliesst eine Stunde vor den angegebenen Ladenöffnungszeiten? Keine Chance, der Postblusenträger hat die Macht. Im Hotel funktioniert die Internetverbindung nicht? Vielleicht morgen, wenn man wieder danach fragt, so der uniformierte Rezeptionist. Es ist diese allgegenwärtige subtile Präsenz von „egal“ und „wieso ich“, die einem engagierten Geist, genährt von Überzeugungen und Werten wie in Temwa besitzt, auf die Palme bringt. Aber sie ist eben international vernetzt, bekommt von ihrer Chefin Anerkennung für gute Arbeit und hat reichhaltige positive Erfahrung im Sinne von: wie man in den Wald hineinruft, …

Durch Temwa lerne ich viel über Lusaka und Afrika. Trotzdem muss ich mich schweren Herzenes von ihr verabschieden und mache mich auf den Weg nach Serenje weiter in den Norden des Landes. Die Fahrt geht durch eine lose bewaldete und spärlich besiedelte grüne Landschaft. Je weiter wir nach Norden kommen, desto grüner und üppiger wird die Vegetation. Es ist eine parkartige Landschaft, wie sie vor 250 Jahren in Mitteleuropa üblich war. Kleine Dörfer säumen die Strasse und wenige Stopps an chaotischen Tankstellen, an denen Busse wild umher rangieren und schon dadurch die eilig einkaufenden Fahrgäste in Wallung halten. Ein kräftiges Hupen zeigt die Weiterfahrt an. Wie es sich doch gleicht. Ich denke an Kolumbien, wo ein Bus nach der Mittagspause einmal ohne mich abgefahren ist und dann aber umdrehte um mich aufzulesen. Irgendwo in Afrika, wäre dies wahrscheinlich anders.

Als wir in Serenje ankommen ist es längst dunkel und ich habe das grossartige „Ach Afrika“ von Bartholomäus Grill, das ich in einer deutschen Buchhandlung in Capetown erstanden habe, schon gut zur Hälfte gelesen. Nur ich steige hier aus. Die Busstation ist etwa drei Kilometer weit vom Dorf entfernt an der wichtigen T2 Verbindungsstrasse gelegen. Das private Taxi, ein durch und durch schrottreifes Gefährt, das mich belustigt in Plauderlaune versetzt, bringt mich in den Ort. In Serenje gibt es für Touristen eigentlich Nichts zu sehen. Ein kleiner Ort inmitten der sambischen Natur. Es gibt ein paar wenige Unterkünfte, die vor allem von Afrikanern genutzt werden, Und ein Immigration Office als Distrikt-Hauptstadt, das wohl wegen der Nähe zur kongolesischen Grenze und der Flüchtlinge von dort besonders wichtig ist. Es gibt einem bunten Marktplatz mit Waren aus der Region wie eine kleine Fischart, die getrocknet aufgetürmt vor allem den Fliegen Freude bereiten und deren Verkäuferinnen sich nicht fotografieren lassen möchten. Vielleicht weil Fotos einem die Seele rauben. Der andere Teil des Marktes ist in unmittelbarer Nähe in einer Strasse gelegen und bietet neben Kleidung und Stoffe an, sowie all die Dinge, die in kräftigen Farben leuchten und meist aus Plastik gemacht sind. Hier ist das Fotografieren kein Problem. Ich bin der einzige weisse Tourist in Serenje und falle dementsprechend auf. Mir fallen andere Sachen auf. Etwa ein Schild, das über dem Eingang einer drei mal vier Meter messenden Grundfläche eines Ladens hängt. Darauf steht „Shopping-Center“.

LENVE – Bama Bangu


Es geht gemütlich zu in Serenje. Ich esse Pap, einen Brei aus Mais zubereitet, den man mit den Händen etwas formt um dann damit das spinatartige Gemüse mit etwas Sosse zu fassen. Pap hat in etwa die Konsistenz von Kartoffelbrei, den man drei Tage an der Luft stehen lassen hat. Dazu gibt es Hähnchen. Manchmal esse ich Pap mit Gemüse auch ohne Hähnchen, das schafft etwas Abwechslung. Denn Pap selbst, schmeckt nach gar nichts. Zwangsläufig gehe ich immer wieder die gleichen Wege von meiner Unterkunft zum Dorfkern, umrunde den Markt, sitze im Restaurant bei löslichem Nescafe mit Milchpulver und lese die regionale Zeitung. Auf der Titelseite ist ein junger Mann abgebildet, dem das linke Bein fehlt. Darüber steht in grossen Lettern das anklagende Zitat „Warum haben sie das gemacht?“ Der Junge wurde von Polizisten an einer Bushaltestelle angeschossen. Die Redaktion scheint keine Kenntnis über die genauen Umstände zu haben. Es findet sich auch keine Information darüber, warum man gleich das ganze Bein amputieren musste. Oft ist der weite Weg bis zum nächsten Krankenhaus das Problem bei Verletzungen. Bis die Leidenden irgendwo hinkommen dauert es, wenn es überhaupt gelingt. Die mangelnde Mobilität ist ein grosses Hindernis für eine Teilhabe vieler Menschen in Afrika. Aber der Junge wurde in der Nähe von Lusaka angeschossen, offensichtlich ohne Grund. Er wartete lediglich auf einen Bus. Und so beschwört der Artikel in seinem Grundton die Ungerechtigkeit, die dem jungen Mann widerfahren ist, und selbstlos verzichtet er auf Schadenersatz, er will lediglich Gerechtigkeit, erfahren, und wissen, warum die Polizisten geschossen haben. Ein verstörender Artikel. Mehr desorientierend als informierend, denke ich mir. Ach Afrika.

Am nächsten Tag beobachte ich drei Säger, die im Zentrum des Dorfes arbeiten. Einer der drei Arbeiter ruht sich aus, sitzt aber dabei genauso in der brütenden Sonne, wie die beiden anderen, von denen einer tief im Erdloch steht und der andere oben auf dem Stamm, der über dem Loch von der Grösse eines Autos liegt. Den Jungen unten und oben verbindet ein leicht sichelförmiges Sägeblatt mit Dreieckszähnen bestückt. Die Enden des Blattes sind mit einem Griff ähnlich eines ganzen und geraden Ochsenhorns ausgeführt. Gemächlich, aber stetig, arbeitet sich das Handgatter durch den Stamm, angetrieben von reiner Muskelkraft in der brütenden Hitze, trotz Regenzeit.

Ich mache mich zu Fuss auf den Weg, die drei Kilometer zur Bushaltestelle zu gehen. Nehme meinen Regenschirm als Sonnenschutz und wandere die Strasse entlang, wo ich die 17-jährige Brenda einhole, die den gleichen Weg hat. Wir gehen zusammen, teilen den Schatten des Regenschirmes und Brenda erzählt mir, dass sie im Dorf war, um Arbeit zu suchen, was aber erfolglos blieb. Sie möchte gerne wieder zur Schule gehen, doch dafür muss sie Arbeit finden, denn in Sambia kostet die schulische Grundbildung. Brendas Eltern sind der Malaria zum Opfer gefallen, zumindest sagt sie das. Woran die Menschen wirklich sterben in Afrika, weiss oft niemand so genau. In manchen Ländern gibt es Aids offiziell gar nicht, auch wenn es die Todesursache Nummer eins ist. Aber in Sambia ist das anders. Die Regierung hat das Problem der Epidemie erkannt und steuert gegen. Auch Temwa im Aussenministerium verdient sich über staatliche Aufklärungsprogramme ein Zubrot dadurch, dass sie durchs Land reist und Aufklärungsseminare zum Thema Aids und Malaria durchführt.

Nach einer knappen Stunde Gehzeit kommen wir am Busbahnhof an. Genug Zeit um durch meine Fragen sicher zu sein, dass Brenda wirklich gerne in die Schule gehen würde und zu erfahren, dass der Taxifahrer von der Nacht meiner Ankunft mit dem Schrottauto ihr Onkel ist, bei dem sie lebt. Wir verabreden uns für den nächsten Tag. Der Deal: Brenda holt mich im Hostel am Ortseingang ab und wir gehen gemeinsam zur Schule, um sie für das nächste Schuljahr anzumelden. Am Morgen ist Brenda fast pünktlich da. Sie hat mindestens eine dreiviertel Stunde Fussweg hinter sich und zusammen gehen wir nochmals solange, bis wir die Schule auf der anderen Seite hinter Serenje erreichen. Es ist eine gepflegte, grosszügige Anlage mit vielen fröhlichen Kindern in karierten Röckchen und weissen Blusen, der Schuluniform, wie sie mir schon so oft auf meiner Reise begegnet ist. Der Sekretär des Rektors bittet uns Platz zu nehmen im Büro, während wir auf den Chef der Schule warten. Als er kommt, erkläre ich ihm, was wir wollen. Er hört geduldig zu. Dann erklärt er die Modalitäten, das System und an Brenda gerichtet – die Prinzipien der Schule und gleich des ganzen Lebens.

Natürlich dauert das Prozedere. Es geht hin und her über die Stufe, in der Brenda einsteigen sollte, vor allem geht es darum, dass sie Englisch lernen muss, um eine Chance für sich und ein selbstbestimmtes Leben zu haben. Aber am Ende ist eine für alle zufriedenstellende und wohl auch wirklich gute Lösung gefunden. Der Direktor erklärt sich sogar bereit, einen Rabatt im Sinne eines Soforteinstieges einzuräumen. Ich bezahle das Schulgeld für ein Jahr und Brenda kann ab nächsten Montag den Unterricht besuchen. Alle sind froh und der Rektor füllt ein Dokument aus, dass die Bezahlung belegt. Dann holt er ein goldenes Buch und fordert mich zur Eintragung auf. Natürlich entspreche ich dieser Bitte gerne und während ich schreibe, fällt mir auf, dass die letzte Eintragung schon fast ein Jahrzehnt zurück liegt.

Nach einigen staatstragenden Verabschiedungsklauseln, verlassen wir die Schule wieder. Brenda braucht jetzt eine Uniform, ohne die darf sie nicht zum Unterricht erscheinen. Ich frage sie, ob sie sich freue darüber, wie es nun gekommen ist. Sie schien mir zwischendurch etwas teilnahmslos, vielleicht auch einfach nur erschöpft von der Prozedur des „Einschulens“. Brenda bejaht ihre Freude und sagt eine der wenigen zusammenhängenden englischen Wortkombinationen, die ich aus ihrem etwas schüchternen Mund gehört hatte: „Buy me Soft drink!“ Ich beschliesse, ihr Geld für die Uniform zu geben, schicke sie zum Markt um eine zu besorgen und wenn sie gut verhandle, könne sie sich dann selbst ein Softdrink kaufen. Sie müsse auch lernen, zu haushalten und selbst zu entscheiden, was wichtig ist, und was nicht. Nicht ohne Stolz denke ich, dass dies eine gute Lösung für uns ist und wir verabschieden uns, freilich nicht ohne das Versprechen, dass ich nach ihr sehen werde, wenn ich eines Tages wieder nach Serenje kommen werde.

Ich eile zurück in die Stadt, muss im Hostel auschecken und wechsle wieder einmal die Unterkunft, um die letzten beiden Nächte im Ort in einer bequemeren Hostel zu verbringen. Ich vergesse mein Handtuch auf der Leine und gehe nochmals zurück, als mich ein Beamter des benachbarten Immigration Office abpasst. Das Immigration Office habe mich nun schon einige Tage beobachten können, wie ich immer wieder vorbeilaufen würde, sagte der Officer. Ich erklärte ihm, dass dies kein Wunder sei, denn das Imigration Office liege nun einmal zwischen dem Ortskern und meiner Unterkunft. Wie immer, konnte ich mich nicht ausweisen, da ich Papiere und Wertsachen meist verteilt in der Unterkunft hatte und nicht bei mir trug. Ob ich denn nicht wissen würde, dass ich mich beim Übertritt der Provinzgrenzen zu melden hätte, damit die regionale Behörde meine Papiere prüfen könne. In der Tat, das war mir neu. Schliesslich bat er mich freundlich aber eindringlich mitzukommen ins Büro in Sichtweite, sein Chef wolle mich sprechen.

Ich entgegnete, dass ich gerne komme, würde nur noch schnell mein Handtuch holen und dann käme ich vorbei, schliesslich liegt es ja auf dem Weg. Seine Mine verfinsterte sich etwas und er bestand nachdrücklich auf die sofortige Begleitung. Wieder einmal hatte ich die diesmal reale Uniform unterschätzt und ging also den Trampelpfad voraus, der Officer hinterher.

Nach zwei Minuten wurde der Abstand zwischen uns immer grösser, obwohl ich gemütlich ging. War er am Anfang direkt hinter mir, betrug der Abstand dann etwa zwölf Meter. Ich verstand nicht und musste an den Zeitungsbericht über den angeschossenen Jungen denken. Daran, dass es ein leichtes wäre für den Officer, später zu erklären, er habe auf mich geschossen, als ich flüchten wollte, ohne Pass und offensichtlich mit Dreck am Stecken. Der Gedanke schoss mir sonnenklar durch den Kopf, der augenblicklich zum Dickschädel mutierte. Also verringerte ich mein ohnehin langsames Tempo. Ich wollte mich nicht auf der vermeintlichen Flucht in den Rücken schiessen lassen und dachte mir, wenn du schiessen willst, musst du mich schon aus der Nähe liquidieren. Der Abstand verringerte sich wieder und der Officer schoss nicht. Wir erreichten das Büro, wo natürlich kein Chef auf eine Unterhaltung mit mir wartete, sondern der Officer begann ein Papier auszufüllen und Fragen an mich zu richten, die ich längst beantwortet hatte. Dann gingen wir zusammen zu meiner Unterkunft und nachdem ich meine bezahltes Visum und den Reisepass vorgewiesen hatte, sagte er: „Alles gut, Sie sind ein freier Mann.“ Ach Afrika.

Später erfuhr ich von den jungen Leuten, die im Hotel arbeiten, dass der Officer bekannt dafür sei, dass er gerne und ausgiebig Touristen triezt. Am Abend verliess ich kurz mein Zimmer, um ein Bier in der Bar drei Häuser weiter zu kaufen. Es regnete in Strömen und die praktischen Vordächer, die fast lückenlos von Haus zu Haus das Dach der Veranden bilden, liess mich trockenen Fusses zur Bar gelangen. Als ich die Bar verliess, sprach mich ein Mann an, der in der dunklen Ecke auf der Veranda sass und einige leere Bierflaschen vor sich hatte. Es war der Officer und er teilte mir mit, dass es nicht erlaubt sei, Alkohol mit auf die Strasse zu nehmen. Ich entgegnete ihm, dass ich das Bier nicht auf die Strasse nehme, sondern ins Hotel, das er ja bereits kenne. Und ich würde die Strasse noch nicht einmal betreten, sondern sondern von Veranda zu Veranda hüpfen. „Das sei nicht erlaubt!“ schallte es und ich sagte ihm, dass ich jetzt keine Zeit hätte, sondern arbeiten müsse, und er ja wegen des Vorfalls die Polizei rufen könne. Er wisse ja, wo er mich finde. Es kam keine Polizei, vielleicht hat der teils sintflutartige Regen oder sein Zustand mir geholfen, den nervigen Officer auf Distanz zu halten.

FRED CHISENGA – Aneni Kula

Inzwischen hatte ich mich mit einem Busfahrer angefreundet, so dass ich wusste, wo und wann welcher Bus abfährt. Denn im Dorf wusste niemand etwas, auch nicht die Leute der Hostels. Aber jeder wusste irgendetwas und ungefähr, auch wenn es etwas anderes war. Die Reise sollte weiter nach Norden gehen, nach Kasama, der letzten Station, bevor ich die Grenze zu Tansania passieren wollte.

Wieder ging die Reise durch das immer üppiger werden Grün der unverändert parkartigen, schönen Landschaft. Unser Busfahrer konnte sich daran kaum erfreuen, er hatte anderes zu tun. Die Strasse wurde immer schlechter mit Löchern übersät, die zum Anhalten und Ausweichen neben der Strasse zwangen. Die Fahrt war lang und es wurde dunkel. Treffen sich zwei grosse Fahrzeuge wie Bus oder Lastwagen auf der Strecke, kommen sie kaum aneinander vorbei. Man hält einfach drauf bis kurz vor der Begegnung. Im letzten Augenblick ziehen beide etwas nach links (es herrscht Linksverkehr), damit es nicht zur Karambolage kommt. Busfahrer im nördlichen Teil Sambias zu sein, ist ein harter Job, der viel Erfahrung, Können und Durchhaltevermögen braucht. 14 Stunden am Steuer auf so einer Piste, dann in der Dunkelheit bei heftigem Regen. Einen zweiten Fahrer gibt es nicht. Ich dagegen hatte Zeit, mir die in regelmässigen Abständen vorbeihuschenden Funktürme für Mobiltelefone anzusehen. Wie Miniaturausgaben des Eifelturmes stehen sie da, akkurat, in breiten Streifen rot weiss lackiert mit stämmigen, viergliedrigem Fuss, gen Himmel strebend sich dabei konisch verjüngend. Der Zaun um die kleinen Gelände sieht aus wie in Deutschland. Maschendraht, zwischen einbetonierten Rundeisen gut gespannt und Gartentürchen mit Zylinderschloss. Die Arbeit von westlichen Mobilfunk-Anbietern, kein Zweifel. Daneben die einzige Verbindungsstrasse des Landstriches mit unregelmässigen, aber häufigeren Strassenbrüchen und Löchern, die eine Achse leicht brechen lassen können: lebensgefährlich, und schon lange keinen Fachmann mehr gesehen. Später habe ich eine kleine Umfrage in Kasama gemacht. „Wenn Sie sich entscheiden müssen. Was ist wichtiger: ein gutes Handynetz oder gute Strassen?“ Das Ergebnis meiner Umfrage fiel eindeutig aus: pro Mobil-Telefon. Es war das verwunderlich für mich, dann begriff ich, dass ein Mobile-Phone (jeder hat mindestens eins) eine ganz persönliche Steigerung der Lebensqualität bringt. Von einer Strasse haben die meisten Menschen zunächst einmal nichts. Zumindest bleibt der Nutzen  abstrakt und wahrscheinlich für den Einzelnen auch real fragwürdig. Damit der Sinn einer sicheren Strasse anerkannt werden kann, braucht es ein System drumherum, das den Nutzen begreifbar macht (zum Beispiel einen Krankenwagen), so wie viele Handybenutzer ein in sich funktionierendes System ergeben.

Wieder erreiche ich den Busbahnhof Kasamas spät Abends und mache mich auf eine Unterkunft zu suchen. Die Strassen sind lichtlos und nach zehn Minuten meines Weges an den Rand der Kleinstadt auch menschenleer. Nach einer halben Stunde erreiche ich das Hostel, das aber ausgebucht ist, ein anderes auf dem Rückweg ebenfalls. Ein Umstand, der mir auf meiner Reise bislang stets selten begegnet ist. Zwar ist es ein schöner Spaziergang bei sternenklarem Himmel und hell scheinendem Mond, doch da ich mich noch überhaupt nicht auskenne in der Stadt, beschliesse ich in einem der wenigen Gebäude mit Licht nach einer möglichen Unterkunft zu fragen. Das grosse Haus wirkt wie eine Verwaltung oder ein Museum und als ich vor dem Empfangstresen stehe, merke ich, dass es sich um die Polizeiwache handelt. Martin, ein netter Beamter erklärt mir ausgiebig den Weg zu weiteren Häusern und beschliesst aufgrund der Komplexität kurzerhand mich zu Fuss zu begleiten. Ein Mann kommt uns eilig entgegen gelaufen und berichtet aufgeregt von einem Disput mit Jugendlichen. Einer von ihnen habe ihn in den Arm gebissen und jetzt wolle er zur Polizei um den Vorfall zu melden.

Das nächste Hostel ist wieder voll belegt, ein weiteres ebenso und nach einer Stunde habe ich mein Zimmer. Ich gebe Martin ein Trinkgeld für seine Hilfe und wir tauschen die Telefonnummern, was dazu führt, dass er sich am nächsten Tag nach meinem Wohlbefinden erkundigt. Das Trinkgeld für Staatsdiener ist in Afrika nichts besonderes und ich empfand es nicht als merkwürdig, einem Polizisten etwas zuzustecken. Martin verdient wenig, er wurde versetzt von seiner Heimatstadt Lusaka ins ruhige Kasama und kennt bislang nur wenige Leute. Ich wäre noch stundenlang mit meinem Gepäck gelaufen, hätte Martin mir nicht einige der unbeschilderten Hostels in der Dunkelheit gezeigt, manche hätte ich vielleicht gar nicht gefunden. Aber es war ein prägendes Erlebnis. Ich gehe von nun an fast jede Nacht durch die dunklen, menschenleeren Strassen. Der vergebliche Versuch beim ersten Hostel erwies sich als exzellentes Restaurant. So gehe ich oft dorthin, geniesse die Ruhe und Einsamkeit auf den Hin- und Rückwegen und das friedliche Afrika mit einem ganz besonderen Duft in der nächtlichen Luft.

In meinem Hostel gibt es kein Frühstück, aber die Bediensteten erklären sich bereit mir heisses Wasser zu meinem löslichen Kaffee zu reichen. Rahel ist besonders engagiert. Sie reinigt meist die Zimmer, räumt auf und kocht vor für eine Restaurantdienstleistung die sich mir nie erschlossen hat. Bevor sie serviert, zieht sich sich um. Genauer gesagt, legt sie ein weisses mit Spitzen versehenen Lendenschurz an und eine ebenfalls weisse Netzhaube. Ich fühle mich wie in Kolonialzeiten, und mir ist etwas unwohl dabei. Meinen Hinweis, dass sie sich für das Servieren von heissem Wasser und einer Tasse nicht extra so in Schale zu werfen braucht, beeindruckt sie wenig, auch wenn ich ihr das Wasser an der Küchentür abnehme, macht sie sich stets vorher so zurecht. Ich fotografiere sie in ihrem Dress, was ihr sichtlich Freude bereitet. Mein befreundeter Busfahrer ist ebenfalls im Hostel untergekommen. Und so kreuzen sich Wege immer wieder im grossräumigen Afrika.

Daneben lerne ich einen älteren Herren auf Geschäftsreise kennen. Er arbeitet für eine Minengesellschaft im Westen des Landes und muss einige Gespräche vor Ort führen. Die reichen Edelmetallvorkommen, vor allem aber das Kupfer, müssten Sambia eigentlich zu einem reichen Land machen, aber die gewinnbringenden Einkommensquellen  sind ausnahmslos in der Hand von Ausländern. Europäer und Amerikaner teilen sich die sprudelnden Einnahmen brüderlich.

Wer Kasama verlassen möchte, fährt für gewöhnlich mit dem Minibus. Ich möchte mich auf den Weg machen zu dem wenig bekannten Kalambo Wasserfall, im Norden, von wo ich dann mit einer Fähre über den Seeweg Tansania erreichen könnte. Nach langem Warten in der gnadenlosen Sonne kommt ein Minibus mit Anhänger für das Gepäck. Wir sind längst voll besetzt, als wir uns aufmachen noch eine Runde durch die Stadt zu drehen. Der Anhänger wird an einer Station erstmal abgehängt. Man will noch Leute aufsammeln an irgend welchen Plätzen. Die Entscheidung, wer noch Platz findet oder nicht, hängt an jedem selbst und natürlich am Fahrer mit der imaginären Uniform. Auf Sitzbänken für drei sitzen fünf oder sechs Menschen, im Gang sind Kisten und Koffer zu Sitzplätzen umfunktioniert. Ein junger Koreaner der in Kasama lebt, steigt aus, die Hitze im Bus ist unerträglich. Ich sitze auf einem dieser Klappsitze, zur Hälfte. Hinter mir in einer Zwischenreihe findet eine Mutter mit Kleinkind nach einigem hin und her eine Art Sitzgelegenheit. Das Kind pinkelt mir über den Sitz, so dass zwei Hosen nass sind. Nach einer Stunde durch die Stadt mit etlichen Stopps und Menschen die erst in den Bus kommen, dann doch wieder aussteigen ob der Füllung der Karosse, soll es dann losgehen. Ich fühle mich schon vor Beginn der vierstündigen Fahrt so verbraucht, dass ich es schliesslich an einem geeignetem Punkt dem Koreaner gleichtue, aussteige, zurück zum Hostel gehe, meine einzige kurze Hose wasche und mir etwas Neues überlege.

Zug, endlich Zug fahren. Es gibt einen riesigen Bahnhof fünf Kilometer ausserhalb Kasamas für den Tazara, einst als Anschluss des Binnenlandes Sambia ans Meer über die Trasse nach Tansania erdacht. Ich nehme ein Taxi zum Bahnhof, dass mich direkt auf den Bahnsteig bringt. Dort ist niemand und beschleicht eine gewisse Skepsis, ob hier wirklich ab und an ein Zug hält. Ein Beamter sitzt in dem riesigen Gebäude in seinem Büro, die Bahnhofshalle mit etlichen Schalterplätzen ist verschlossen. Auf dem Schreibtisch des Chefs vom Dienst liegen einige alte, angestossene Buchdokumente, in deren Seiten er immer wieder blättert und sucht, nachdem ich meine Frage nach einem Ticket für die lange Zugfahrt nach Dar es Salaam, Tansania, platzieren konnte. Schliesslich greift er zum Telefon, das erst nicht funktionieren will aber mit gemeinsamer Überprüfung der Anschlusskabel dann doch bereit ist, seine vorhergesehene Bestimmung zu erfüllen. Nach einigen Versuchen klappt die Verbindung. Ich erhalte schliesslich eine Reservierung, und darf das Ticket bezahlen, das ich aber erst kurz vor der Abfahrt abholen kann, also in zwei Tagen. Ich gebe dem Beamten ein gutes Trinkgeld, damit sich der Bahnchef an mich erinnern wird. Er teilt mir schliesslich mit, dass er an dem grossen Abend nicht vor Ort sein wird, aber wie immer alles in Afrika „No Problem“ sei. Ich bin gespannt, ob dies wirklich meine letzten Tage im schönen Sambia sein werden und besuche die Dörfer bei Kasama während der verbleibenden Wartezeit.

Dann ist es soweit. Am Abend der Ankunft des Zuges bringt mich ein befreundeter Taxifahrer, mit dem ich noch ein Getränk nehme und ein paar herumspielenden Kindern, die eine Fanta bekommen, zum Bahnsteig, ohne dass ich wiederum Laufen müsste. Heute ist mehr Betrieb. Ein paar Bedienstete spielen Billard. Der Tisch steht einen Meter neben dem Gleis so dass ein Zuschauer bequem auf den Gleisen sitzend, das Treiben beobachten kann. Überhaupt spielt man gerne Billard, oft mit Kugeln die deutlich kleiner sind und auf Tischplatten nicht aus Schiefer, sondern aus Spanplatte, was zu einigen überraschenden Verläufen der Kugeln führt, weil es ab und zu auch in Afrika regnet.

Ich hole mein Ticket und gehe in die Bahnhofshalle, die nun wie ein Auffanglager für Flüchtlinge anmutet. Der Boden ist übersät mit wartenden, teils schlafenden Menschen. Alle Sitzgelegenheiten sind belegt, die Bar geöffnet und auch auf dem Vorplatz des Bahnhofes hat sich munteres Treiben eingestellt. Fliegende Händler verkaufen alles, was man zum Reisen braucht oder eben, was es gibt. Es ist noch viel Zeit, zwischen Abfahrtszeit des Zuges und dem letztmöglichen Termin zur Ticketabholung liegen fast vier Stunden. Also verbringe ich einen lustigen Abend auf dem Vorplatz und wünsche mir, eines Tages zurück zu kommen, in dieses für mich wundersame Sambia um nach Brenda zu sehen, mit Temwa durch die Strassen Lusakas zu ziehen und Dörfer in der wunderbaren Landschaft zu besuchen.

In der kleinen Bar der Bahnhofshalle mit einer Art Durchreiche ins Wohnzimmer für den Ausschank, hole ich mir ein Bier und lade Abayomi, die dort bedient zu einem Getränk ein. Wir sitzen auf dem Bahnhofsvorplatz und natürlich kommen und gehen Leute, man unterhält sich und es ist wie ein kleines Event: Der Zug wird kommen! Abayomi lädt mich ein, hinter die Durchreiche zu blicken und stellt mich ihren Freundinnen vor. Sie liegen dort auf Matten, teils schlafend, teils einfach ruhend. Der Raum ist voll vom Geruch des Holzfeuers, das in einem kleinen Ofen ohne Abgasrohr vor sich hin glimmt. Damit ich nicht wie ein Schwarzwälder Schinken für die kommende Nacht im keine Ahnung wie gearteten Schlafwagen verbringen muss, ziehe ich die frische Luft der Damengesellschaft vor und wir sitzen noch lange auf dem Platz. Abayomi will mich heiraten, oder zumindest, dass ich sie mitnehme. Ich fahre allein durch durch erste Nacht im afrikanischen Schlafwagen, einen Tag lang, noch eine weitere Nacht und erreiche Dar es Salaam am Nachmittag.

In Dar es Salaam wohne ich in der Innenstadt. Hier gibt es eine Strasse, in der ein Werkzeugladen neben dem anderen ist. An einem der Geschäfte prangt ein grosser Schriftzug: Future-Shop. Wie alle anderen Läden auch in dieser Strasse werden dort vor allem Notstromaggregate und Wasserpumpen verkauft. Ich mache mich auf, zu erkunden, ob so die Zukunft von Dar aussieht.

Im Zug lerne ich Pandu kennen, er ist Ingenieur aus Dar es Salaam. Während unsere Mitfahrer unterwegs aussteigen, begleitet mich Panud bis zum Zielbahnhof. Er fand es ungeheuer spannend, dass ich die Dreistigkeit besitze, die Kirchenpolitik und sogar den Papst zu kritisieren. Pandu ist Christ und erklärt mir, dass es früher furchtbar war mit dem Glauben in Afrika und dazu noch uneinheitlich. „Wir haben in früheren Zeiten Bäume angebetet“, sagt er, heute habe man einen andere Ebene erreicht. Ich entgegnete, dass ich nichts Schlimmes daran erkennen könne, Bäume anzubeten, aber bereits viel Unheil im christlichen Missionseifer in Afrika entdecken musste. Noch nie habe er einen Menschen getroffen, der so denke. Ich glaube, er war nicht unbeeindruckt, aber gleichzeitig besorgt, dass er etwas Unrechtes tun würde, liesse er solch freien Gedanken ihren Lauf. Anders als die meisten Menschen in Dar, spricht Pandu Englisch. Er erklärt mir, dass es wohl der wichtigste Fehler der ersten Regierung nach dem Erreichen der Unabhängigkeit Tansanias war, alle Verbindungen zur britischen Kolonialmacht zu kappen. Das habe dazu geführt, dass die Menschen heute nicht mehr der englischen Sprache mächtig seien, was das ganze Land in seiner Entwicklung behindere. Sambia habe das besser gemacht, aber trotzdem ginge es den Menschen in Tansania etwas besser, als in Samiba. Die derzeitige Regierung wolle in den nächsten zwei Jahren erreichen, dass jeder ein Einkommen von mehr als einem US-Dollar pro Tag habe. In Samiba sei es immer noch unter einem Dollar.

In Dar gibt es ein umfängliches kollektives Gedächtnis des Miteinanders von Religionen. Seit hunderten von Jahren leben in der grössten Stadt Tansanias Christen, Muslime, indigene Religionsgruppen, Hindus und Buddhisten friedlich neben- und oft sogar miteinander. Auch Mischehen kommen immer wieder zustande, versichern mir einige Befragte, wie der Chef des Hostels in dem ich zunächst absteige. Er selbst ist Muslim, überhaupt sind viele geschäftige Leute in der Innenstadt Muslime und nicht Christen, obwohl sie die bevölkerungsreichste Religionsgruppe in Tansania darstellen. Dar wächst rasant, überall in der Innenstadt werden Hochhäuser gebaut, bei denen die Stahlbetonständer in Handarbeit betoniert werden. Ich beobachte eine Baustelle, auf der ein Arbeiter am Ende der Leiter am emporwachsenden Ständer steht. Ein zweiter kommt mit einem Eimer die Leiter herauf und kippt seine Fracht in die Schalung hinein, der Wartende schaut zu, als ob er die Betonierung überwachen würde.

Der Verkehr in Dar fliesst selten und deshalb gehe ich tagsüber meist zu Fuss, besuche die Märkte und lasse mich am Hafen in einer Siedlung nieder, wo es einen Imbiss und eine Cola gibt. Ein etwas verwirrter junger Mann pinkelt am Strand ins Wasser, macht dann rituelle Waschungen, sitzt lange aufs Meer blicken im Sand und geht dann mit seinen Lumpen bekleidet wieder davon. Die jungen Frauen, die im Cafe zahlreich arbeiten finden es ungeheuer spannend, dass ich mich als Weisser hier her „verirre“. Dabei war meine Wahl wohl überlegt, schliesslich stehe ich am Anfang, die Stadt und ihre Gesetzmässigkeiten zu erkunden. Ich komme öfter in die kleine Siedlung, nicht weit vom Fährhafen entfernt, wo die meisten Touristen schnell einchecken um ihren Urlaub auf der traumhaften Insel Sansibar und das türkisblaue, warme Wasser an feinsten Sandstränden des indischen Ozeans zu geniessen.

Auch ich mache mich auf nach Sansibar und verbringe zunächst etwas Zeit in der wunderschönen und alten Stadt, die von arabischer Architektur geprägt ist. An der Peripherie gibt es ein ganzes Viertel von holzverarbeitendem Handwerk und spät am Abend ist die Marktstrasse so voller Leben, wie ich es nur aus Kairo kenne. Fast so, als ob die Dunkelheit, die beste Zeit zum Einkaufen wäre. Dann haben solche Szenerien ihren besonderen Charme. Man sieht den aufgewirbelten Staub durch den Verkehr in seinem Scheinwerferlicht und die punktelle Beleuchtung schafft Bilder mit Licht und Schatten im Gegensatz zu Europa, wo alles gut und gleichmässig ausgeleuchtet ist. Bunt geht es hoch her. Überwiegend Muslime zwischen Abendgebet und Einkaufen, zwischen Heimweg und geselligem Abendessen. Für mich interessiert sich hier niemand, im Gegensatz zum Tag, wenn die Verkäufer und Dienstleister mich als Besucher ausmachen, was mich wieder auf die Segnungen des Tourismus nachdenken lässt. Ich wandle wie ein Zeitgereister durch die Meile, wo jeder ein Ziel zu haben scheint, nur ich nicht.

Ich lande schliesslich in einer kleinen, einfachen aber gemütlich ausgestatteten Lodge, um die letzten Tage in Afrika am Strand zu verweilen. Mohd Ussi bringt mich von der gleichnamigen Hafenstadt der mit Hoheitsrechten ausgestatteten Insel Sansibar, dorthin. Vorher müssen wir noch kurz bei ihm zu Hause vorbei. Eine seiner zwei Frauen ist missgestimmt. Mohd sagt, weil er ihr befohlen hat, noch einen Tag länger zu bleiben und nicht heute schon zurück in ihr Haus am anderen Stadtrand zu fahren. Mohd stammt von der kleineren, muslimischen Nachbarinsel Pempa. Dort dürfen Männer insgesamt vier Frauen ehelichen. Aber ihm reichen zwei, das sei schwierig genug, sagt er, zumal die beiden Familien sich nicht besonders mögen.

Am kleinen Ort angekommen, sind viele Ferienunterkünfte geschlossen, mangels Touristen. März/April ist nicht gerade Hochsaison und ich geniesse die relative Ruhe. Denn meine Lodge, ist die Party-Unterkunft, gegründet von Leipzigern, darunter einer mit Wurzeln in Tansania und historisch gewachsenen Verbindungen zu Zeiten des Ostbündnisses. Mittwoch ist Beachparty und alle TouristInnen der Gegend sind dabei, dazu viele männliche Einheimische.

Die letzten drei Tage verbringe ich dann wiederum in Dar es Salaam, nachdem ich lange gezögert hatte, den Rückflug zu buchen. Auch wenn ich nicht wirklich ein weiteres Land bereisen möchte, nach einem recht strammen Trip durch Süd-Ost-Afrika, fällt es mir schwer, Nägel mit Köpfen zu machen. Ich lerne noch Olivria kennen und wir treffen uns öfter. Wieder richte ich eine Mailadresse ein und erkläre das Internet. Olivria erklärt mir andere Dinge über Dar und ich finde, sie hat viel Spannendes zu erzählen, etwa von ihrer Haushaltshilfe aus dem Kongo, die sich um ihr Kind kümmert, das Haus in Ordnung hält und dafür bei ihr wohnen darf und ein kleines Entgelt bekommt. Andererseits schaut Olivria auch in einschlägigen Etablissements nach Touristen, die für eine Nacht bezahlen. Olivria ist eine feine Person, mit Zielen und Träumen, aufrichtig und echt. Wir verabreden uns öfter und am Ende begleitet sie mich zum Flughafen, worüber ich sehr froh bin. Wir trinken noch ein Bier zusammen, das wir beide schon seit Stunden im Stau steckend herbeisehnen, eine letzte Umarmung und dann geht meine Reise endgültig zu Ende.

Das war mein dreizehnter und letzter Blog dieser Reise, aber andere Reiseberichte werden hoffentlich folgen. ch

Bleibt dran, demnächst auf www.ch.gowink.de: das Reise-Kaleidoskop und hoffentlich der 300. Kommentar und damit Gewinner einer Einladung zum Essen.

Kleiner Nachtrag:

Afrika, 500 Jahre lang ein drohnenartiges Schlachtfeld unserer Zivilisation, schafft es nicht allein. Boah, was für eine Erkenntnis! Jüngere Forschungsergebnisse gehen von 50 Millionen afrikanischer Opfer während dieser Zeit aus. Ende des 16. Jahrhunderts sollen in Afrika genauso viele Menschen wie in Europa gelebt haben, etwa 100 Millionen. Laut jüngeren Forschungen soll im Laufe der Jahrhunderte etwa die Hälfte davon ausgewählt worden sein zur Versklavung, aber nur die Besten. „Keine mit schlechten Zähnen, keine Frauen mit Hängebrüsten und keine Männer von schwacher Konstitution“, zitiert Bartholomäus Grill historische Quellen. Auch hat man auf Bildung wertgelegt bei der Auslese durch die Menschenhändler. Wer will schon dumme Gefolgsleute?

Was wäre aus Europa geworden, hätte man die Hälfte der Eltern von den Intelligentesten und Weitsichtigsten beseitigt? Die wahrscheinlich plausible Antwort: Nichts. Man stelle sich die Entwicklung Europas vor, hätte man die Vorfahren von Alexander von Humboldt, von James Watt oder von Gottfried Daimler beseitigt, ganze Familiengeschichten einfach ausgelöscht.

Ja, Afrika braucht unsere Unterstützung. Vielleicht noch 100 Jahre oder auch noch deutlich länger. Die einst vom Diktator Muammar al-Gaddafi eingeforderten 777 Mrd. Dollar zur Wiedergutmachung werden nicht reichen. Viel mehr wäre nötig. Dinge die uns viel kosten, weil sie das Eingeständnis beinhalten, bislang das Falsche getan zu haben und sich dabei bequem hinter der Gewissheit des Komplexen versteckt zu haben. Respekt wäre nötig, vielleicht würde schon so viel reichen, wie wir auch einem kriminellen Wirtschaftsführer entgegenbringen. Menschlichkeit, wie wir sie Tieren schenken und Zukunft für Afrika, wie wir sie uns selbst wünschen.

3 FEEDBACKS

  1. Bettina sagt:

    Fleissiger Schreiber… alles scheint so präsent, wie heute, obwohl doch schon ein bisschen Zeit vergangen ist seither. Da fällt einem das Kommentieren fast schwer ob der Fülle der Eindrücke, Gerüche und Geräusche – aber der Preis lockt *). Bin gespannt auf das Reise-Kaleidoskop, die Afrika-Bilder (die ich ein nächstes Mal ansehen werde) und weitere, direkte Geschichten und Eindrücke… Und auf das, was die Reise mit dir und deinem Leben noch alles machen wird. B.

  2. marco sagt:

    hi, ich melde mich nicht wegen dem mögloichen preis wobei ich gerne mit dir essen gehe.
    ich hatte einfach mal wieder ein ruhige minute und wollte vorbeischauen.
    was macht der immo-markt auf kuba?!?! und überhaupt wie ist die lage?
    hier gibt es gerade den regen, der im november gefehlt hat. richtig ekelig.
    wo steckst du gerade?
    adventsgrüße
    marco

  3. michael sagt:

    Hi Christian, die besten Wünsche für 2012, viele schöne Erlebnisse und Begegnungen wünsche ich dir. Ich hoffe, du hattest einen guten Jahreswechsel. Ich kann mich Marco anschließen mit der Bemerkung über das eklige Wetter hier. Gerne hätte ich (der Jahreszeit entsprechend?) Schnee gehabt um mit den 2 Latten die Pisten und Loipen unsicher zu machen, aber bisher war es noch nicht so ergiebig! Ich würde mich über ein baldiges Wiedersehen freuen, gerne natürlich zum Essen. Vielleicht klappt es ja im Februar?
    Wir haben eine Hütte im Schwarzwald am Wochenende 25.-26.02.2012 und laden die Freunde ein mit uns dort zusammen zu kommen. Vielleicht sogar mit Schnee und netten Gesprächen. Wäre doch schön wenn du auch Zeit hättest. Viele Grüße aus Dörlinbach! michael

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