Auf in die Oase

So eine Oase ist ein merkwürdig Ding. Zwischen hohen Dünen aus feinstem Sand gelegen, ein lebensfroher Ort in einer lebensmüden Umwelt. Man kann die Tische immer abwischen, Sand findet sich überall und zu jeder Zeit. Ein Lüftchen genügt und die Arbeit kann von Vorne beginnen. Wen wundert es, dass die Menschen in der Oase Huacachina südlich von Lima eine spezielle Abstaubtechnik verinnerlicht haben. Mit einem trockenen Lappen peitschen sie den feinen Sand von einer Stelle zur anderen. Sisyphos lebt!

Mehr als 800 Kilometer bin ich das trockene, ausladende Küstengebiet in Peru nach Süden gereist, vorbei an Hühnerfarmen mit Meerblick als eines der wenigen Zeugnisse einer Besiedelung, bis ich die erste echte Oase erreicht habe. Seine persönliche Oase zu finden, ist wichtig in Peru. Sei es, weil die Wüste endlos, das Moloch Lima ewig ausufernd, die Touristenattraktionen der Inka-Kultur hoffnungslos überlaufen oder die Angebote der Touristenjäger in Iquitos im Amazonasgebiet nie zu enden scheinen. Die Rettung sind die Oasen, die in vielerlei Gestalt auftauchen können. Die kleine Bar in Lima, der alte Olivenhain in den devastierten Voranden, der Hintereingang zu den Inka-Gebieten oder das nicht genannte Dorf am Amazonas, wo nur Peruaner aus dem Boot steigen.

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Adrian ist ein Schuhputzer mit Berufsstolz. Er nimmt sich viel Zeit für meine Samba-Turnschuhe. Sie haben es bitter nötig. Der Fachmann interessiert sich für das Modell, ihr Alter und dafür, ob diese denn bequem seien. Stolze fünf Soles nimmt er für die Pflegemassnahme im Kennedypark in Lima. Dafür befreit Adrian sogar die weissen Streifen von der schwarzen Schuhcreme, die ein weniger achtsam agierender Kollege aufgetragen hatte. Auch der Kennedypark im Stadtteil Miraflores ist eine Oase und Miraflores selbst ist im Trubel und dem Verkehrschaos der Stadt wiederum eine solche Stätte. Im Park tummeln sich im Schatten der Bäume neben Schuhputzern, Liebespaaren und solche die es werden wollen, auch fliegende Händler, Prostituierte und viele Katzen. Das ist gewollt von der Stadtverwaltung, wie ein Schild auf dem Rasen beweist. Eine junge Frau kommt und verteilt Futter. Sie gehört jenem losen Zusammenschluss an, der für eine gesunde Ernährung der vierbeinigen Lieblinge sorgt. 80 Tiere leben allein in diesem Park, sagt sie. Auch auf anderen, der insgesamt wenigen städtischen Grünflächen gibt es solche Katzenkommunen. Aber nicht alle erfreuen sich an deren Bild. Am Morgen lese ich in der örtlichen Zeitung, dass jemand in einem Park zwölf Katzen durch vergiftetes Futter getötet hat.

Das La Tasca in Miraflores ist eine kommunikative, weil enge Bar. Hierher kommen Locals, Zugewanderte, Touristen, Gays und allerhand Durchgeknallte. Neben guter Musik, gibt es immer was zu lachen. Hier lerne ich Bruno kennen. Der Schweizer lebt schon lange in Peru und organisiert Motorradtouren für Touristen. Mit Bruno zusammen lerne ich das Nachleben Limas kennen. Er bietet mir an, mich der anstehenden Tour im Begleitfahrzeug anzuschliessen, was ich gerne annehme, und so entkomme ich zwar dem Partyleben der Stadt, stattdessen machen wir aber an anderen Orten was los. Zusammen mit dem Fahrer Lucho reise ich die folgenden zehn Tage mit Bruno und der Gruppe weiter die Küste entlang über Nazca mit seinen Linien, zu den Ruinen des Puerto Inca, nach Arequipa, der vielleicht schönsten Stadt Perus, nach Puno zum Titicaca-See, der 15mal so gross ist wie der Bodensee, bis nach Cuzco, zum Mittelpunkt der Welt. Überall stossen wir auf Spuren der Inka-Kultur und wer durch die fruchtbaren Täler der Anden von Arequipa nach Cuzco reist, beginnt zu ahnen, warum im Glauben der Inkas und auch anderer Stämme die Verbindung von Unter- zu Oberwelt, von irdischen Plätzen zu Himmelsgestirnen, beinhalteten. Berge, das sind die Brüste der Erde. Sie bilden die Verbindung von der Unter- zur Oberwelt, vom Meer, auf der die Erde ruht, zum Himmel.

Die Hinterlassenschaften der Inkas sind für viele in Peru eine Einnahmequelle und – ein gleichnamiges Getränk. Das Inca-Kola ist neongelb wie Frostschutzmittel und schmeckt wie in Wasser aufgelöste Gummibärchen. Es ist populär und man ist stolz darauf. Das Wissen der Peruaner um die eigene Geschichte ist dagegen eher begrenzt. Auch die Linien von Nazca wurden durch ausländische Forscher reanimiert. Heute pflegt man sie, die Touristen bringen schliesslich Geld wenn sie mit dem Kleinflugzeug die Gebilde bestaunen. Meine Reisegruppe hatte am Tag vor dem Flug einen feuchtfröhlichen Abend erlebt. Wir sitzen frühmorgens, immer noch halbbetrunken, im Flugzeug und so mancher muss mit den Schwankungen des Fluges und des Magens kämpfen. Lucho und ich sind zuletzt ins Bett, allerdings macht er den Ausflug nicht mit. Ich verschlafe nach kurzer Ruhe und kann mir bis heute nicht erklären, wie es mir innerhalb von drei Minuten nach dem Erwachen möglich war, mit geputzten Zähnen, allen Kleidern am Leib, samt Kamera und Wasserflasche in der Hand, im Shuttlebus Richtung Flughafen zu sitzen.

NOVALIMA – Cardo

PERUJAZZ – Chincha Saudita


Durch die Reise mit Bruno lerne ich die peruanische Küche schätzen. Auch Alpakas, die neben meinem Blick und ihrer wärmenden Wolle, mich auch zunehmend auf dem Teller erfreuen. Und ich lerne, wie man sich bewegt, wenn man in einem fremden Land bleiben und vorankommen möchte. Stets haben wir eine gut gekühlte Cola im Auto, um die Polizisten an den Checkpoints bei guter Laune zu halten, und versorgen die auch gleich noch mit Aufklebern von Brunos Unternehmen. Ich trainiere gelassen zu bleiben, wenn ich eigentlich nicht mehr gelassen sein möchte, wie etwa bei einem willkürlichen Rausschmiss aus einer Bar in Arequipa. Und ich geniesse Perus Oasen. Wie etwa in Cuzco, wo es zahllose Angebote für Massagen gibt. Eine Stunde einer solchen Behandlung mit den flachen, heissen Steinen lassen alle Zeichen von Reisestrapaze vergehen. Schön, dass die Steine erhalten geblieben sind. Denn auch Farben und Muster der traditionellen Kleidung symbolisieren oft die wichtigsten Mineralien der Anden.

Nach Iquitos kommt man nur mit dem Schiff oder dem Flugzeug. In der regionalen Hauptstadt im Amazonasgebiet gibt es relativ wenige Autos, dafür tausende von dreirädrigen Mototaxis. Alle nutzen sie, und so wälzen sich die Gefährte lawinenartig durch die Strassen. Ab und an durchbricht ein museumsreifer Lastwagen, beladen mit dicken Stämmen für eines der örtlichen Sperrholzwerke, das dreirädrige Strassenbild. Denn hierher werden die Hölzer aus dem Amazonasgebiet geflöst, dann gesägt, geschält oder weitertransportiert. Viele Leben von der Holzwirtschaft. Hinter den Sägewerken am Fluss wachsen die Hüttensiedlungen zwischen den oft schlammigen Strassen und zahlreichen Häfen, an denen reges Leben herrscht. Hier kommen Flachbildschirme und Eisenschrott an, Kinder spielen zwischen den Resten des wirtschaftlichen Lebens und manche Einheimische sitzen im Schatten und schauen dem geschäftigen Hafentreiben wie staunende Touristen zu.

Auf einer meiner Streifzüge ins Innere des Amazonas besuche ich auch eine Schmetterlingsfarm. Hier passiert es dann – ich verliebe mich in Feliza. Sie bewegt sich mit solcher Grazie, neugierig und von solcher sinnkräftigen Überlegenheit, dass ich ihr sofort verfalle. Feliza ist noch nicht einmal ein Jahr alt und ein Prachtexemplar ihrer Art. Die Behörden konfiszierten die Ozelot-Dame auf dem Boulevard in Iquitos und seitdem lebt sie auf der Station. Dort wird sie wohl auch bleiben müssen, weil sie nie jagen und überleben gelernt hat, draussen im Wald. Dort gibt es immer noch Trophäenjäger und solche Menschen, denen es wichtiger ist, für ein Tier ein paar Groschen zu bekommen, als deren Leben zu achten. Auch mir wird an einem Abend auf der Promenade ein Sammelsurium von grossen, farbenprächtigen und aufgespiessten Schmetterlingen zum Kauf für ein paar wenige Euro angeboten. Ganz legal, im Gegensatz zu Felizas Schicksal.

Daneben gibt es in der Stadt fast täglich gut besuchte Open-Air-Konzerte mit Salsamusik und Bars, in denen Caipirinha karaffenweise für umgerechnet drei Euro zu haben ist. Und es gibt zahllose Angebote für einen „authentischen“ Aufenthalt in den Wäldern des Amazonasgebiet. Ich entschliesse mich, anstelle eines Lodgebesuches, die Linienwassertaxis für Ausflüge zu nutzen, besuche so Dörfer und Natur, finde Oasen, begegne vielen, aber keiner wie Feliza.

Das war mein zwölfter Blog. ch


6 FEEDBACKS

  1. Marianne sagt:

    Hallo Reisender

    Ein kleines bisschen bedaure ich deine baldige Rückkehr ja schon… die spannenden Blogs und sagenhaften Bilder werden mir fehlen :-)

    Samstagsgrüsse
    Marianne

  2. Christian sagt:

    Hallo Marianne,
    …nicht nur du!!! Auch ich bedauere meine baldige Rückkehr durchaus, auch wenn ich mich jetzt schon auch sehr freue, wieder ins frühlingshafte Europa zurückzukehren. Und eine eigene Wohnung… kaum auszumalen!
    Wünsche dir einen schönen, entspannten und sonnigen Samstag,
    Christian

  3. Heinz Giess sagt:

    Hallo Du Weltenbummler: Wie es scheint, geht es Dir nach wie vor blendend. Kein Wunder wenn man die eindrücklichen Bilder sieht und Deine begeisternden Berichte liest. Trotzdem freue ich mich auf ein Wiedersehen und wünsche Dir bis dahin alles Gute.

    Heinz

  4. Christian sagt:

    Hallo du Holzfäller,
    bald ist es soweit, freue mich, in die schöne, frühlingshafte Schweiz heimzukehren und natürlich auch darüber, mal einen Winter ausgelassen zu haben. Auch wenn ich das Holzmachen vermisse,…der nächste kommt bestimmt.
    Was mich echt schockiert hat: Frau Vielweib heisst jetzt Jamnitzky! Nur, damit du auf dem neusten Stand bleibst…
    bis bald, lass es dir gut gehen, Christian

  5. Astrid sagt:

    ciao Christian,
    ich hoffe dass dir gut geht, bei uns ist alles i.o..
    Oriana oftmals fragt nach Onkel Christian während sie deine foto anschaut.
    Auch wenn wir nicht so oft schreiben, lesen wir gerne deine Beiträge und träumen nach diese Plätze.
    Wann kommst du zurück?
    Bis bald
    Astrid

  6. walter sagt:

    Christian die Zeit rennt geniesse die Momente und nimm alles inDich auf was für Dich möglich ist. Milano war toll…. walter

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