„Reisen in Europa ist gefährlich“

Das Wattestäbchen steckte exakt waagrecht zur Erdoberfläche in seinem Ohr. Zwei Drittel gab die linke Hörmuschel davon Preis. Der Rest schien seltsam haltbar fixiert, angesteckt, wie eine Brosche. Der Fahrer nahm das Utensil nicht heraus. Nicht vor der Fahrt, und nicht während der Fahrt durch den strömenden Regen auf der Pritsche des Pick-Up zurück nach Tena, einer Kleinstadt in Ecuador.

Ansonsten war Nichts augenscheinlich Auffälliges an ihm. Das Wattestäbchen  schien wie ein Markenzeichen, so selbstverständlich trug er es in sich. Oder man muss es als Signal an die jungen, hübschen Frauen deuten, die sich mit einem Lolli im Mund auf Tenas Stassen bewegen. Denn in Tena, wo die letzten Ausläufer der Anden enden und der Wald von der hügeligen Landschaft allmählich ins flache Land durchzogen von Flüssen übergeht, haben viele der jungen Frauen einen Lolli im Mund, wenn sie abends auf der Strasse flanieren. Zu sehen sind dann nur zwei Drittel des weissen Stengels, mal links mal rechts im Mundwinkel ausgerichtet oder genüsslich hin und her spielend. Dafür wird nicht geraucht, kaum jemand ist mit Zigarette auf der Strasse an zu treffen. Eine gesunde Sache, solange der weisse Stengel sichtbar bleibt.

Überwiegend Männer versammeln sich abends am Busbahnhof der Stadt. Dort gibt es ein grosses Dach, das zwei nebeneinander  liegende Volleyballfelder vor Regen schützt. Genauer gesagt, sind es Spielflächen für Ecuavolley, einer besonderen Variante des Spiels, bei der das Netz deutlich höher hängt und die jeweils drei Feldspieler, das einem Fussball gleichende Leder eher in einer Bewegung fangen und werfen, als dieses zu Pritschen, Baggern oder zu Schmettern. Letzteres gelingt aufgrund der Netzhöhe von geschätzten zwei Metern und neunzig ohnehin nur schwerlich.

Auch Zuschauer sind da, das Fleisch auf dem Grill liegt fest in Frauenhand und die Bierbar wird – wie auch die Tribüne – dominiert von Männern, die sich allabendlich mehr oder weniger sportlich betätigen. Das Ecuavolley-Feld ist kein Treffpunkt der Geschlechter. Überhaupt lernt man sich in Tena nicht so schnell kennen. Fast eine Woche brauche ich, bis die Verkäuferin eines Gemischtwarenladens, bei der ich täglich einkaufe, sich zu kurzen Unterhaltungen hinreissen lässt. Es geht gemächlich zu am Tor zum „Dschungel“. Nur abends vor dem Busbahnhof bruzzelt es. Dort essen hunderte Menschen, Reisende und Angekommene abendlich die Köstlichkeiten vom Feuer. Es gibt Verkaufsstände mit Textilien und anderem, was man haben kann, aber nicht unbedingt braucht und umtriebiges Gewusel von Menschen mit und ohne weissem Stengel im Irgendwo. Immer ist es dunkel, wenn ich da bin. Dann ist es zauberhaft. Das Flutlicht des Spielfeldes, die Gerüche aus den Küchen und die vielen Menschen, von denen ich oft nicht begreife, warum sie hier sind, vielleicht nur um meinen Blick zu erfreuen.

Tena liegt zwischen Flussläufen. Die Insel in der Stadt ist ein Park. Die Brücke ist vor einigen Jahren zusammengebrochen. Ich warte durch den Fluss zur Insel und finde Affen, eine tote Vogelspinne und sehe zum ersten Mal einen Tapir, ein riesiges Tier. Oben in den Bergen soll eine andere Variante dieser fleischigen Art leben. Kaum jemand kennt es, auch weil viele Tiere inzwischen selten geworden sind. Denn die Menschen essen ziemlich alles, was der Wald ihnen bietet. Affen oder Boas und natürlich Rehe und Tapire.

Der Ort ist auch Ausgangspunkt für Touren in den Wald. Mein erster Ausflug geht in den so genannten Grand Canyon. Ein Flusslauf von bezaubernder Schönheit. Neben Kraxeleien lerne ich auch das Schwimmen in Gummistiefeln kennen, denn an die schönsten Stellen kommt nur, wer dem Fluss folgt und Gummistiefel sind die einzigen Schuhe, die im weichen und feuchten Waldboden funktionieren. Dann der Sprung in die Lagune, einen anderen Weg gibt es nicht. Es sind nur zehn Meter. Aber oben stehend sieht es aus, als ob dieser Schritt, der letzte sein könnte. Wer nicht springen möchte oder kann, muss durch ein tosendes steinernes Loch die zehn Meter an einer Leiter heruntersteigen. Der hinabstürzende Fluss liefert die dramatische Begleitmusik zu dieser Variante. Ich bevorzuge den Sprung.

Eine andere Tour führt mich in ein Waldcamp, das noch keines ist. Wer zur Toilette muss, geht mit dem Spaten ausgerüstet in den Wald, das Wasser kommt aus dem Fluss, wunderbar frisch und sauber. Dort wird auch gebadet. Die Jungen und Mädchen  Kein Strom, kein Telefon, dafür Abgeschiedenheit. Denn wer hier her möchte, muss durch schlammigen Grund zwei Stunden gehen, oder eine Stunde Dschungeljogging betreiben. Wir brechen früh auf um zur verhexten Lagune zu gehen. Wir, das sind Julian und ich als Gäste so Führer Ramiro, ein Mann des Waldes. Es ist heiss und schwül, Ramiro rennt mit der Machete voran und wir versuchen zu folgen. Ich freue mich über mein Studium und denke an die vielen Exkursionen mit durch den Wald rasenden Professoren, die erklärend und zeigend vorausgeeilt sind. Wir sammeln Yuca-Wurzeln (in Salzwasser gekocht und dann in Butter mit etwas Grün angebraten eine Köstlichkeit), schürfen Gold in den Flusssanden und Ramiro erklärt und die Kommunikation im Wald durch Stockschläge auf mächtige Brettwurzeln und die heilende Wirkung von unzähligen Pflanzen. Wir finden geheime Steine und hetzen weiter in Richtung verhexter Lagune, um die sich viele Mythen ranken. Ramiro zögert etwas, will nicht wirklich dort hin, was sich durch wiederholtes Nachfragen ausdrückt. Nahe der Lagune werden wir zwei Mal von äusserst aggressiven schwarzen Wespen attackiert. Eine lässt sich auf meiner rechten Schulter nieder. Ich beobachte sie, wie sie mit ihren kräftigen Mandibeln eifrig versucht, sich durch mein Shirt zu beissen. Angekommen, erweist sich die Lagune selbst als unzugänglich, es scheint, als ob hinter dem üppigen Bewuchs nur Moskitos und Schlangen zu Hause sind. Wir entschliessen uns, die Geheimnisse ruhen zu lassen und nicht nach dem Schatz zu suchen, den der letzte König hier versteckt haben soll. Dieser Verlockung sollen vor gar nicht all zu langer Zeit die Teilnehmer einer Expedition erlegen sein. Sie wurden nie wieder gesehen. Andere glauben, dass der Schatz des Königs seine fünfzig hübschesten Töchter waren, die er mit seinen schönsten Frauen gezeugt und dann bei der Lagune versteckt haben soll. Später soll dann von diesen fünfzig Töchtern das Städtchen Tena hervorgegangen, sein. Diese Theorie würde zumindest erklären, warum es in Tena, verglichen zu anderen Orten Ecuadors, so viele hübsche Frauen gibt.

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MAHIA – Nina Bonita

Meine erste Station in Ecuador war das kleine Städtchen Otavalo, ganz im Norden nahe der kolumbianischen Grenze gelegen. Das Leben der Menschen ist geprägt durch den stampfenden Rhythmus der Webmaschinen. Der Ort ist bekannt für seine Alpaka-Lama-Waren und anderes traditionelles Handwerk. Jeden Tag ist Markttag, aber am Samstag kommen sie alle. Dann scheint die ganze Stadt ein einziger Markt zu sein. Die Touristen strömen aus den Bussen, um genauso wie die Ecuadorianer, günstig einzukaufen. Etwas abseits ist der Viehmarkt. Hierher verirren sich nur wenige Touristen.

Auch Celia entstammt einer Weber- und Kunsthandwerker Familie. Sie betreibt einen Laden, in dem Schmuck und andere Utensilien dargeboten werden. Celia erklärt mir die Herkunft der Materialien, zum Teil seltsame Gebilde, Früchte von Bäumen und Sträuchern, die frisch wie Nüsse zum Verzehr anmuten, aber getrocknet steinhart und haltbar sind.

Ich verlängere meinen Aufenthalt in Otavalo, um mit Celia Ausflüge zu unternehmen. Sie zeigt mir ihr Heimatdorf nahe Otavalo, in dem auch Nachts die Webmaschinen unaufhörlich ihren Dienst verrichten. Daneben schlafen die Menschen, sofern sie nicht die Nachtschicht an der Maschine übernehmen. Wir werfen uns gegenseitig Popkorn in unsere Münder, die fast bei jeder Mahlzeit als Vorspeise gereicht werden, reden, lachen und lernen voneinander. Ihre Versuche, mir etwas „Kitchua“ beizubringen, bleiben indes recht erfolglos. Wir krabbeln durch Höhlen und warten durchs Wasser um geheime und geweihte Plätze ihrer Vorfahren aufzusuchen. Sie erklärt mir die Rituale und wir wandern zurück durch die Nächte auf Schienen entlang, auf denen schon lange keine Züge mehr verkehren. Wir lauschen den Müllautos, die von einem hellen Glockenspiel begleitet nach Einbruch der Dunkelheit durch die Strassen klingeln und schmieden Pläne für den nächsten, nahenden Tag.

Celia ist eine hübsche, junge und wache Frau. Sie träumt von einem Häuschen abseits im Grünen, von einer Familie mit Kindern und ein paar Tieren. Das erste Mal bekomme ich eine Antwort auf die Frage nach den Träumen, auch wenn sie sich zunächst schwer tut. Gerne würde sie auch einmal Europa bereisen, doch das ist gefährlich, zumal allein für eine Frau. Am Abend schauen wir Nachrichten. In den staatlichen „Noticias“ wird über die Streiks und Strassenschlachten aus Paris berichtet, von den Gefechten in Athens Strassen und den Problemen Italiens ganz im Süden. Und in dem Moment ist mir klar, warum Europa gefährlich ist. Die Macht der Bilder und ihre von Sensationslust getriebene Selektion verzerren den Blick – auf beiden Seiten. Ich denke an unser Bild vom liebenswerten Kolumbien und an die Warnungen ja nicht nach Mexiko zu fahren, an die einfältige Machtausübung von Nachrichtenagenturen und daran, wie auch ich beeindruckt bin von patroulierenden Strassenpanzern inmitten der städtischen Szenerie des mexikanischen Drogenkrieges.

Riobamba ist der ideale Ort, um sich für den Gipfelsturm auf den Chimborazo vorzubereiten, mit 6310 m die höchste Erhebung Ecuadors. Ein magischer Vulkan, denn der Gipfel ist der Punkt auf der Erde, der am weitesten vom Erdmittelpunkt entfernt ist. So gemessen, überragt der Chimborazo den höchsten Berg der Erde um zwei Kilometer. Dies aufgrund der Nähe zum Äquator und der Gravitationskraft der rotierenden Erde. Kein Wunder, dass ich angezogen war von der Idee, den Aufstieg zu wagen. Mein erster Spaziergang führt mich hinauf bis auf 5000 m. Vorbei an Grab- oder Erinnerungssteinen an die, die beim Versuch den Berg zu bezwingen ums Leben gekommen sind. Die zerbrochene Gedenktafel vom Januar 2006 an Roswitha Schmid und Norbert Ohnesorg ist der jüngste Zeuge einer Reihe von tödlichen Unfällen am Berg. Ausser einer Stirnlampe und einer Fellmütze habe ich keinerlei Ausrüstung für den nächtlichen Aufstieg bei mir, ein Führer verspricht mir, mich damit auszustatten. Ich begebe mich also ins Trainingslager, nach zwei Tagen beschliesse ich aber doch, auf einen Besteigungsversuch zu verzichten. Ohne Erfahrung im Gehen mit Steigeisen im Gletscher lassen meine Zweifel und vielleicht auch meine Furcht überwiegen. Eine kleine Niederlage zum Ende meiner Reise in Ecuador, und ein Grund mehr wiederzukommen, muchas gacias, Ecuador.

Das war mein elfter Blog. ch

8 FEEDBACKS

  1. Bettina sagt:

    mein lieber, schön hört sich das alles an. und schön wäre auch, hätten wir uns heute bei skype erwischt. hoffe, sehr bald mal wieder dich zu hören. hier kommt der frühling, osterglocken und noch solch blumenzeugs, das ich letzten winter eingebuddelt hab, späht eifrig auf den balkon, auf dem es sich trotz der strasse/n doch gut aushalten lässt – so milde, wie es gerade ist. hugs. b.

  2. Christian sagt:

    Hallo Bettina, ups, so schnell dein Kommentar! Sehr schön.
    Musste um drei Uhr das Internet hinter mir lassen und stand stattdessen drei Stunden auf der Strasse, weil der Bus der kommen sollte halt dann doch nicht kam.
    Schliesslich landete ich Mal wieder auf der Ladefläche eines Pick-Up und hab die 300 km nach Kasane die Ausblicke auf die Weite, den schönen Sonnenuntergang, die frische Luft, viele Elefanten, einen Löwen und eine Herde Büffel sehr genossen.
    Bis bald @Skype,
    Christian

  3. marco sagt:

    hi christian,
    irgendwie stimmt das raum-zeit-kontinuum nicht mehr (spock hatte gerade geburtstag, daher das “zitat”).
    gerade lese ich von ecuador, wo du doch schon eine ganze weile in afrika bist…
    vorletzte woche hatte ich mit armin, bubi und walles ein ungewöhnliches ereignis (übernachtungsausflug), das errätst du nie!!!
    auch bei uns ist diese woche extrem frühling, es ist total klasse… sonne satt, alle freuen sich!
    mach et jut!!!
    cheerio
    marco

  4. marco sagt:

    hi nochmal,
    hab erst jetzt die bilder durchgeklickt:
    klasse!!!!!!!!!!!
    cheerio
    marco

  5. Carina sagt:

    hallo christian,

    erstmal hoffe, dass du eine gute weiterreise hattest und es dir bei uns trotz verrückter leute gefallen hat;)
    wie versprochen hinterlasse ich dir an dieser stelle grüße, danke dir für deinen besuch bei uns und wünsche dir eine gute und angenehme heimreise. wenn der momentane stress hier etwas abgeebbt ist, werde ich mir ausführlich deine beiträge durchzulesen, denn das, was ich bislang überflogen habe, klang sehr aufregend!

    safari salama und grüße aus sansibar, carina

  6. Christian sagt:

    Hallo Marco,
    nicht um dich noch mehr zu verwirren, sondern um dich zu erfreuen, hab ich den Blog zu Peru gerade hochgeladen.
    Und zur Erklärung: Die Blogbeiträge folgen der Reiseroute und natürlich schreibe ich sie immer dann, wenn ich die Reise in einem Land beendet habe. Ausnahme ist mein Zwischenspiel zu Weihnachten/Neujahr zunächst in Kolumbien, dann auf der Stahlratte nach Jamaika und Havanna…da war ich im Urlaub! Also kein Blog.
    Wir sehen uns bald, liebe Grüsse, Christian

  7. Christian sagt:

    Hallo Carina,
    schön, von dir zu hören…hast ja kräftig verschlafen am Tag meiner Abreise. Ich gehe nun gleich zur Fähre, zurück nach Dar es Salaam.
    Ja Sansibar ist eine sehr schöne Insel und das eine oder andere werde ich auch darüber zu berichten haben. Schau doch mal wieder rein,
    Liebe Grüsse, Christian

  8. Christian sagt:

    …ach übrigens, hab dir gerade drei junge Damen geschickt…dachte mir, dass so ein wenig Frischfleisch für die Locals und den nächsten Mittwoch doch gut wären!!!
    Kannst dir denken, dass ich das Treiben der deutschen Mädels auf Sansibar nicht unkommentiert lassen werde…
    …die drei sprechen Englisch, damit die Leipziger Exklave nicht zur Inzest-Party wird!!!

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